„Offener Prozess“: Studierende des RVK bringen den NSU-Komplex auf die Bühne des Lutz Theaters 

Was passiert, wenn junge Erwachsene nicht über Geschichte belehrt werden, sondern selbst zu forschen beginnen? Genau das war in den vergangenen Monaten am Rahel Varnhagen Kolleg zu erleben. Im interdisziplinären Projekt „Offener Prozess“ haben sich insgesamt 59 Studierende aus zwei Kursen ein Semester lang mit einem der schmerzhaftesten Kapitel jüngerer deutscher Geschichte auseinandergesetzt – dem NSU-Komplex. Der Literaturkurs unter Leitung von Johanne Hoppstock arbeitete dabei performativ, im Sinne eines forschenden Theaters, das kein fertiges Stück nachspielt, sondern aus der eigenen Recherche eine künstlerische Form entwickelt. Der Psychologiekurs unter Leitung von Stefan Schmale steuerte die fachliche Reflexion bei. Beide Kurse arbeiteten eng zusammen. Am 1. Juli 2026 zeigten die Studierenden ihre Ergebnisse in einer eindrucksvollen öffentlichen Präsentation in der Lutz-Theaterzentrale in Hagen.

Ein tastender Weg zum Thema

Bevor eigene künstlerische Formen entstanden, näherten sich die Studierenden dem Thema aus mehreren Richtungen. Sie besuchten Sigrid Sigurdssons Installation „Architektur der Erinnerung“ im Osthaus Museum Hagen, mit dem unsere Schule seit Jahren eine Bildungspartnerschaft verbindet. Sie begegneten Gamze Kubaşık, der Tochter des 2006 in Dortmund ermordeten Mehmet Kubaşık, und reisten zur Ausstellung „Offener Prozess“ nach Chemnitz. Aus diesen Begegnungen, aus intensiver Recherche und aus über 80 eigenen, anonym gesammelten Fragen entstand nach und nach das Material für die Bühne.

Was uns am meisten beeindruckt hat

Was dieses Projekt trägt, ist die Haltung der Studierenden. Viele von ihnen bringen eigene Erfahrungen im Hinblick auf Migration, Diskriminierung oder Ausgrenzung mit und haben gerade deshalb mit großer Ernsthaftigkeit, viel Mut und bemerkenswertem Feingefühl gearbeitet. Die Studierenden haben Position bezogen, Fragen gestellt, die ihnen wichtig sind, und ihre Stimmen in den Hagener Stadtraum getragen. 

Das Publikum war sehr ergriffen und immer wieder gab es Zwischenapplaus. Im anschließenden Bühnengespräch erklärten die Studierenden ihre künstlerischen Entscheidungen souverän und mit Haltung. Auf die Frage aus dem Publikum, wie es nun weitergehe, antworteten sie schlicht: „Indem wir die Erinnerung am Leben halten.“ Für junge Menschen, die aus gesellschaftlichen Debatten oft ausgeschlossen bleiben, ist ein solcher Abend keine Selbstverständlichkeit und genau das macht ihn so besonders.

Unser herzlicher Dank gilt den Förderern des Projekts – der Amadeu-Antonio-Stiftung, dem Kulturbüro Hagen, der Sparkassenstiftung Hagen und dem Förderverein des Rahel Varnhagen Weiterbildungskollegs sowie unseren Kooperationspartnern, dem Osthaus Museum Hagen und der Ausstellung „Offener Prozess“ in Chemnitz. Ein besonderer Dank geht an Gamze Kubaşık, die das Gespräch mit den Studierenden führte. 

Zum Hintergrund: Was war der NSU?

Der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) war eine rechtsterroristische Gruppe, die zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen ermordete: neun Männer mit überwiegend türkischen Wurzeln – meist kleine Gewerbetreibende – sowie eine Polizistin. Daneben verübte die Gruppe Bombenanschläge und Raubüberfälle. Jahrelang gerieten die Opfer und ihr Umfeld selbst unter Verdacht; Ermittler und Medien sprachen abwertend von „Dönermorden“, ein rassistisches Tatmotiv wurde lange ausgeschlossen. Erst 2011 flog der NSU auf. 2018 wurde die Hauptangeklagte in München zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Aufarbeitung dauert bis heute an, seit November 2025 läuft ein zweiter NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht Dresden.

6. Juli 2026